Wie die Radolfzeller Naturfreunde nach dem Krieg Lebensfreude gewannen

Bald nach dem Zweiten Weltkrieg kam von der damaligen französischen Militärregierung die frohe Kunde, dass der Touristenverein „Die Naturfreunde“ wiedergegründet werden durfte. Wie viele andere Vereine, war die 1922 gegründete Ortsgruppe 1933 verboten und das Vereinsvermögen beschlagnahmt worden.

Naturfreunde Radolfzell
Einige der Wiederbegründer des Radolfzeller Naturfreundevereins bei einem Ausflug in die Berge (von links): Galleto Graf (gestorben), Freia Schiller, Peter Grötz, Gudrun Schermeli, Fritz Seeberger, Walter Schumacher (gestorben) und Franz Fezer (gestorben). Bild: Marina Kupferschmid.

 

Bereits ein Jahr vor der Wiedergründung am 24. August 1946 traf sich auf Initiative von Paul Knab, der bei Allweiler arbeitete, eine Gruppe junger Leute, die an die Jugendgruppe vor dem Krieg anknüpfen wollte. „Ich weiss noch, wir sassen in der Küche von Wendelin Praster, Küfermeister bei Kloster-Mayer, und beschlossen etwas zu unternehmen“, berichtet Peter Grötz, seinerzeit Realschüler und später Zahnarzt in Radolfzell. „Walter Troll aus dem Altbohl hatte einen kleinen Lkw mit Plane und Holzvergasermotor. Da schraubten wir Gartenbänke drauf und los ging's – wir hatten einen Heidenspass.“ Zu essen gab es nicht viel – aber: „Der eine brachte gelbe Rüben aus dem Garten mit, der andere Kartoffeln oder Schrot aus gelesenen Ähren.“

Der erste grössere Gemeinschaftsausflug mit rund 20 jungen Leuten auf dem Lastwagen führte am zweiten Weihnachtsfeiertag 1946 auf den Feldberg. „Wir haben einander das Skifahren gelehrt, abends Ziehharmonika gespielt und viel gesungen. Die Mädels haben gekocht, wir Jungs bei den Bauern Kartoffeln organisiert“, erzählt Peter Grötz. Fini Hoier, vor wenigen Wochen verstorben, war die „Mutter der Kompanie“.

Sie und Rosel Knab, die Frau des langjährigen Jugendleiters, kochten einen Riesentopf „Käferlinsen“, dazu gab's Spätzle. Peter Grötz erinnert sich noch an seine Skier aus Holzlatten und an seine guten Bergschuhe. Letztere waren Militärschuhe, die er ergattert hatte, als die Radolfzeller kurz vor dem Einmarsch der Franzosen einen auf dem Güterbahnhof abgestellten Versorgungszug der Wehrmacht, voll beladen mit Bergstiefeln, plünderten. „Jeder hatte seinen Spind, wo er sein Brot aufbewahrte, und manchmal standen wir schon nachts davor, um ein wenig von der Brotration des nächsten Tages abzuzwacken“, beschreibt Sonja Apfel die Not. Eine Zeit lang musste Werner Eberle beim Bäcker Armbruster Brotmarken kleben. Wenn er wusste, dass es auf den Feldberg ging, habe er schon mal die eine oder andere Marke abgezweigt, damit man diese dann in Breitnau habe einlösen können, erzählt er verschmitzt.

Eine Geschichte, die keiner vergessen hat: „Einer aus unseren Gruppe, die in Breitnau untergebracht war, klagte nachts über heftige Bauchschmerzen. Man band ihn auf einen Schlitten brachte ihn – immer den Strommasten entlang – zum nächsten Bauernhof, wo ihn ein Sanitätswagen aufnahm und ins Krankenhaus nach Titisee-Neustadt brachte. 250 Spulwürmer im Darm, die er tags drauf in einem Sterilisierglas präsentierte, hatten ihm das Leben schwer gemacht. Heute würde man die Nase rümpfen“, so Peter Grötz, aber: „Früher, wo jeder sein Gärtle hatte und darauf mangels Kanalisation die Jauche aus den Gruben aufgetragen wurde, war das gang und gäbe. Viele Kinder haben unter Würmern gelitten.“

Die Neugründung des Vereins der Naturfreunde fand am 24. August 1946 im Gasthaus Rössle in der Poststrasse, heute Elektro-Biller, statt. Als erster Vorsitzender wurde Gustav Schiller gewählt, dem es gelang, eine starke Ortsgruppe ins Leben zu rufen und vor allem die Jugend zu gewinnen. Bevorzugtes Versammlungslokal war das „Krokodil“ an der Ecke Walchnerstrasse/Bismarckstrasse.

„Als Verein waren wir wie eine grosse Familie – mit schönem Zusammenhalt. Die Not hat uns zusammengeschweisst“, macht Werner Eberle deutlich. Im Sommer habe man jedes Wochenende Wanderungen unternommen. „Im Gepäck hatten wir Suppenteller, Löffel und Maggi Würfel. Dann haben wir Holz gesammelt, Feuer gemacht und Brühe gekocht.“ Alle hätten sich auf die Wochenenden gefreut, zumal es 1946 ausser den Naturfreunden keine anderen Vereine gegeben habe. Später dann habe es unter Egbert Hanser eine kleine Klettergruppe gegeben, die am Hügelstein bei Liggeringen das Abseilen übte und regelmässig mit dem Rad zum Klettern an den Mägdeberg fuhr.

1949, als Walter Schumacher das Amt des Vorsitzenden übernahm, kam der Wunsch nach einem eigenen Bootshaus auf. Zum einen wollte man sich nicht länger in den Wirtschaften treffen, zum anderen, weil man am See zu Hause war und einige schon Boote hatten, das Wasserwandern fördern. „Bei jeder Zusammenkunft wurde ein Hut oder Teller herumgereicht und Pfennig auf Pfennig gelegt“, so Werner Eberle, der in den 70er Jahren Vorsitzender war. 1950 konnte endlich begonnen werden mit dem Naturfreundehaus am See in Radolfzell, das anfangs ein einfaches Haus mit Aufenthaltsraum, zwei Bootslagerräumen und zwei Toiletten war. Abgesehen vom Kanu-Clubheim, das schon stand, gab es seinerzeit im Umfeld nur Kleingärten. „Wir hatten damals viele Handwerker im Verein und waren erfinderisch“, erinnert sich Werner Eberle.

Die Hohlblocksteine für das Haus habe man selbst hergestellt. Dazu wurde zerkleinerte Schlacke von Giessereiabfällen mit Sand und Zement vermischt. Eine Mischung, die man in manch einem älteren Haus in Radolfzell vorfindet. „Von der alten Schutte ehemals auf der Mettnau haben wir uns mit dem ‚Handwägele‘ Konservendosen der Franzosen geholt, um sie als Hohlkörper zu verwenden“, erzählt er.

Ein wenig trauern die Drei den alten Vereinszeiten nach. „Als jeder ein Auto hatte, war es plötzlich mit dem Wandern vorbei. Der Feldberg war nicht mehr interessant, jeden zog es weiter weg“, schildert Peter Grötz. Heute zählt die Ortsgruppe der Naturfreunde rund 200 Mitglieder, die Struktur hat sich geändert. Viele sind Auswärtige – Kinder von Mitgliedern, die heute weiter weg wohnen, aber auch Menschen, die schon seit Jahrzehnten im Naturfreundehaus Radolfzell Urlaub machen.

Quelle: Südkurier, 01.09.2015